Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Am Kanal

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Brigitte Kraemer, Castrop-Rauxel / Essen / Gelsenkirchen / Hamm / Herne / Marl / ..., 2001-2005 (zurück zur Übersicht)

Eine starke Liebe, aber ohne Gedöns


Das Ruhrgebiet sollte vielleicht besser Kanalgebiet heißen.
Wenn schon nicht Emschergebiet. Die Ruhr war als Industriefluss bereits fast abgehalftert, als das Ruhrgebiet entstand, dieser menschenvolle Mischmasch aus Industrie und Städten und Schloten und Straßen, der sich rücksichtslos auf eine Landschaft legte, in der es Jahrhunderte lang nur Kleinstädte und Dörfer, Katen und Wasserburgen, einige Klöster und eine Reihe mittelprachtvoller Kirchen gegeben hatte. Eine ruhige Landschaft aus Flusstälern, Ruhrhöhen und Emscherauen, an den Rändern übergleitend in Münsterland und Niederrhein und Sauerland.
Niemand hat das Ruhrgebiet geplant. Nicht einmal der Siedlungsverband, dessen Enkel heute RVR heißt. Der entstand erst, als die Menschen schon fast alle hier waren, in den 1920er Jahren. Geplant worden waren Zechen und Hüttenwerke. Es war ehrlich, das, was hier entstand, insgesamt einfach „Industriegebiet“ zu taufen und ihm nicht einen schönen, historischen Städtenamen zu geben: Essen etwa oder Haranni oder Dortmund.
Das Ruhrgebiet ist eine Mischung aus gigantischem Gewerbegebiet, gewucherten Dörfern und urbanem Dschungel. Das macht es für Fremde so schwer zu erfassen. Es hat keine Mitte, von der aus sich alles Weitere erschließen lässt. Es sei denn, man nähme die Kanäle als Mitte.
Zu Zechen und Hüttenwerken und von dort weg mussten Erze und Kohle gebracht werden. Nur deshalb entstanden Eisenbahnlinien - und eben Kanäle. Nicht etwa, weil Menschen am Kanalufer Rad fahren und grillen und schmachten oder per Regionalbahn von Oberhausen ins Westfalenstadion oder von Herne in die Aalto-Oper fahren wollten. Das kam später.
Anfangs wurden die Menschen nur gebraucht.
Die Industrie der Schlote und Zechen hat sich verzogen oder ist zu Museen mutiert, doch die Menschen sind geblieben. Sie haben, nach und nach und anfangs oft noch ängstlich zögernd, in Besitz und in Gebrauch genommen, was nicht für sie geplant worden war. Sie haben Industrieruinen und Kanallandschaften eingemenscht. Haben sie beseelt.
Nur deshalb konnten Fotos entstehen, wie sie in diesem wundervollen Buch versammelt sind. Beseelte Fotos halt.
Sie legen Zeugnis ab von einer starken, großen, rauen und ehrlichen Liebe. Der Liebe zu einer Landschaft, einer Szenerie, die ihre Schönheit, oder besser wohl, um südlich des Mains nicht missverstanden zu werden: ihre eigenartige Anmut aus ebendieser Liebe der Menschen bezieht: Bei mir bist Du schön.
Wer so fühlt, wird sie sehen, diese Schönheit, und wird begreifen, wie Liebe zu dieser Landschaft, dieser Region und ihren Menschen entsteht und wächst. Und bleibt.
Das Tal der Ruhr ist (heute wieder) eine klassische Schönheit. Es gibt nur wenige Flusstäler, die anmutiger und vielfältiger sind. Die vergewaltigte Emscher ist im Begriffe, dank viel Wiedergutmachungsgeld wieder eine ländliche Schönheit zu werden. Doch die Kanäle werden bleiben, was sie waren: zumeist schnurgerade Wasserwege durch die Hinterhöfe des Reviers, die Aschenputtel unter den Gewässern. Sicher, „früher waren mehr Schiffe“, aber früher war auch der Zugang zu den Kanalufern versperrt. Er musste erschlichen werden. Heute sind Zufahrten, Rad- und Wanderwege von Amts wegen allerorten. Und sogar Marinas entstehen. Und der Gasometer ist ein Museum, in mancher Zechenkaue wird auf Kunst gemacht.
Nein, der Rhein-Herne-Kanal ist dennoch nicht die Riviera des Reviers. Das zu behaupten ist Proletarierromantik oder Städtewerbung. Auch Herner und Oberhausener kennen den Weg nach Mallorca und zur türkischen Riviera. Im Zweifel sonnen sich zu jeder gegebenen Zeit mehr Ruhrstädter auf den Kanaren und Malediven als auf Luftmatratzen am Kanal.
Aber am Kanal sind sie eben auch. Und wie sie dort sind, das ist es. Manche sind dort, wann immer sie können. Entschlossen zu leben und leben zu lassen. Mit Bratwurst und Angel und Pilsken, aber ohne Gedöns.
In der Böschung am Kanal hat mancher Ruhrstädter manche Ruhrstädterin zum ersten Mal geküsst. Und wird das nie vergessen, selbst wenn der Mond von Wanne-Eickel an jenem Tag nicht ganz rund geschienen haben sollte.
Zum Kanal kehren sie zurück, alle, immer mal wieder, auch die, die von Karnap oder Castrop hinausgezogen sind in die Welt, ob nach Bochum, nach München, Timbuktu oder nach New York. Denn sie wissen: Nirgendwo vernehmlicher als hier, am Ufer des Kanals, ist der Pulsschlag des Reviers zu spüren; vertraut und ruhig und fest.

Uwe Knüpfer



Das längste Kino der Region – Kanäle im Ruhrgebiet

Ein Kanal ist das genaue Gegenteil eines Flusses, denn er hat nichts Natürliches, außer dem Wasser, das er in sich gefangen hält. Er ist ein Strich in der Landschaft, gerade, selbst wenn er einen Bogen macht, denn er gehorcht nicht den Gesetzten der Organik, sondern den Leitlinien der Geometrie. Er ist ein ganz und gar künstliches Produkt.

Kanal und Ruhrgebiet passen also bestens zusammen. In dieser dicht besiedelten Stadtlandschaft ist Linearität mehr als eine strenge geometrische Form. Sie ist ein ubiquitäres und damit gestalterisch prägendes Element. Dass ihren Gesetzen des Geraden und der Reihung auch die Schiffe folgen, ist nicht nur ökonomisch notwendig, sondern ästhetisch folgerichtig. Aus der Sicht der Ruhrstädter wird daraus aber noch viel mehr: das längste Kino der Region. Denn die nie endende Folge der Schiffe macht jede dieser Wasserstraßen zu einer Art realem Film, der am Zuschauer nicht nur virtuell, sondern auch materiell vorüber zieht. In augen- und seelenfreundlicher „Slow Motion“.

Die Besucher dieses Wasserkinos verhalten sich dabei genau so wie die Kanäle selbst. Sie kümmern sich nicht um die sage und schreibe 32 Stadtgrenzen der anliegenden Gemeinden. Sie folgen einfach ihrem Lauf, beziehungsweise den Leinpfaden, so lange ihnen das gefällt und so weit, wie sie es für richtig erachten. Sie bestimmen selbst, wie lange ihr ganz persönlicher Film dauert, wann sie ihn unterbrechen und für wie lange. Da er obendrein keinen Eintritt kostet, ist es nicht verwunderlich, dass die Menge der Zuschauer - über das ganze Jahr gezählt - selbst die verwöhnten Produzenten amerikanischer Blockbuster Stolz machen würde.

So wird dieses wahrscheinlich größte Open Air Kino der Welt vor allem an sonnigen Tagen zugleich zu einer Art blauer Ruhrstadtpromenade, die an beiden Seiten ungestört vom Autoverkehr zu Fuß begangen oder mit dem Rad befahren werden kann. Immer entlang dieser lebendigen, dreidimensionalen und vor allem flüssigen Leinwand, in die man sogar hineinspringen und baden kann, um so selbst zum Schauspieler zu werden. Dann sind die Ruhrstädter froh, dass diese Leinwand so unendlich lang ist und sie sich trotz ihrer riesigen Zahl nicht gegenseitig auf den Füßen rumtrampeln müssen. Ausgenommen, sie wollen es selber. Denn das kann man an in diesem riesigen Kino auch: Näher zusammen rücken und Gruppen, Haufen oder sogar Banden bilden. Sei es als Zuschauer oder als Schauspieler oder als beides gleichzeitig.

Wie groß diese menschlichen Zusammenrottungen auch immer sind, wie immer sie sich auch zusammensetzen, und was immer sie auch konkret tun, eines verbindet sie immer und immer wieder: ihr seltsam verklärter Blick auf die vorbeiziehenden Schiffe. Manche Zuschauer versuchen ihnen sogar eine Zeitlang zu folgen. Mit dem Fahrrad ist das auch ohne weiteres möglich. Sie halten dann den Film einfach eine kurze Zeit an, beziehungsweise steigen selbst in ihn hinein. Wenn andere Boote entgegenkommen, beschleunigt sich der Film jedes Mal um die doppelte Geschwindigkeit. Die Schiffe verschwinden schneller, als hätte man sie stehend beobachtet.

Das Wunderbarste an diesem interaktiven Ruhrstadt-Movie ist jedoch, dass dieser Film auch ohne Besucher, ja sogar ohne Schauspieler weiterläuft. In den Nacht und den frühen Morgenstunden, in denen die Mehrzahl der Kanal-Anwohner schläft, entpuppen sich die Kanäle mit ihrer näheren Umgebung als eine der faszinierendsten Wasser- und Stadtlandschaften Deutschlands. So künstlich und städtisch ihre Geschichte auch immer war und noch ist, so stark hat die Natur sich nämlich ihrer wieder bemächtigt.

Nicht nur, dass sich im Ruhrgebiet Stadt und Land - und damit freier und bebauter Raum - schon immer in besonderer Weise durchdrungen haben. Wenn die Menschen und die Schiffe aus dem Bild der Kanäle verschwinden, mutieren sie wieder zum Fluss, ohne den Zauber ihrer Linearität zu verlieren. Dann werden sie zu Zwitterwesen aus Technik und Natur und lassen eine Zeitlang vergessen, welche gewaltigen baulichen und sozialen Umwälzungen ihre Geschichte begründet und begleitet haben. Dann trösten sie sich und ihre Besucher darüber hinweg, dass ihre Linearität letztlich doch nur den schnöden Bedingungen des schwerindustriellen Massentransportes geschuldet war. Dann spielen sie das aus, was die Ruhrstädter erst so richtig wahrnehmen, seitdem die industrielle Hochblüte ihrer Heimat zu Ende geht: die besondere Poesie dieser so total von der Technik geformten Landschaft.


Arnold Voß

© Sämtliche Nutzungsrechte an den abgebildeten Fotografien liegen bei Brigitte Kraemer