Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Das Haus des Kassierers

Das Haus des Kassierers zurück zur Übersicht

Norbert Weke, Herne, 2006 (zurück zur Übersicht)

Das Haus der Kassierers

Ich muss dem Fotodesigner Norbert Weke meinen Dank aussprechen. Er hat mich von meiner Phobie geheilt. Eine geradezu antisoziale, mich lebenslang begleitende Phobie gegen Kirmes, Schaustellergeschäfte und widernatürliche Kreiselbewegungen im sozialen Kontext des Ruhrgebietes. Ich kann wieder auf Rummelplätze unter grölende Menschen gehen. Weil ich jetzt weiß, dass diese Menschen im Grunde gar nicht da sind. Das weiß ich, seit ich die Fotoserie „Das Haus des Kassierers“ entdeckt habe.

Blitzblank polierte Kassiererhäuschen vor den prachtvollen Karussellanlagen der menschenleeren Cranger Kirmes im Morgengrauen. Früher habe ich diese Häuschen nie wirklich gesehen. Also früher, das war so zwischen 6 und 16 Jahren, als ich mich entscheiden musste, ob ich Mann oder Kind sein wollte. Ich hab mich übrigens nie entschieden, bis heute. Daran ist die Kirmes schuld. Meine jugendlichen Ausflüge auf die Rummelplätze des Ruhrgebietes endeten immer im Desaster. Erst wurde mir schlecht vom süß-fettigen Essen. Dann habe ich mir meine ersten langen Hosen auf einem albernen Baby-Karussell aufgeratscht. Geschrei von Mama, wieder kurze Hosen, also doch Kind statt Mann. In der Geisterbahn erhielt ich Hausverbot, weil ich unterwegs so ne Art Terroralarm auslöste. Ohrfeige vom Geisterbahnbesitzer. Später irgendwann erster Rendevouz -Versuch am Auto-Scooter; das Weib zieht jedoch mit einem Schiffschaukelbremser von dannen. Und immer wieder Rocker, Besoffene und sogenannte „Bräute“ auf dem Gelände, alle wild entschlossen, mich beiseite zu schieben. Das waren also die Erwachsenen. Widerlich. Der Geruch aus Zuckerwatte und Bratwürstchen sowie das ganze personale Panoptikum von Rummelplätzen brannte sich in mein Langzeitgedächtnis wie die Gewehrkugel in den Hintern eines besonders nachtragenden Elefanten. Beklaut wurde ich auch mal, beim Schlangestehen am Kassenhäuschen für ich weiß nicht mehr welche Sensation.

Jetzt sehe ich diese Kassenhäuschen erneut und mit anderen Augen. Ohne Menschen. Ohne Lärm. Der Kassierer ist noch nicht da. Sein Haus ist jedoch ein kleiner Palast, ein Kleinod aus Chrom und Neon. Hier ist er Herr. Ohne ihn kriegt der arrogante Schiffsschaukelbremser von damals keine Mark und keinen Euro. Super. Die protzigen High-Tech-Fahrgeschäfte im Hintergrund wirken wie verlassene Raumschiffe aus einer anderen Welt. Unterwegs aussteigen geht heute wahrscheinlich nicht mehr bei diesen rasenden Hochsicherheitstrakten mit ihren ausgeklügelten Schutzmechanismen.

Doch zurück zum Haus des Kassierers. Es ist die Visitenkarte des Schaustellers. Hier gibt’s nicht nur Eintrittskarten, sondern bunte INDIVIDUALTÄT im Design, weil dies wahrscheinlich das einzige Teil der ganzen Anlage ist, das man ohne TÜV und Ordnungsamt gestalten darf. Die fliegenden, schwingenden, rollenden und tauchenden Gerätschaften hinter dem Kassiererhäuschen bewegen sich nicht und sind daher erst jetzt richtig zu genießen. Whow, eine Landschaft aus erstarrter Bewegung. Früher waren die Kassenhäuschen das einzige, was sich nicht bewegt hat; daher ihre Unauffälligkeit. Jetzt, wo hier alles ruht, wirken sie viel lebhafter als der ihnen unterworfene Freizeit-Maschinenpark. Sie dominieren das Bild. Und noch etwas: Die Kassiererhäuschen scheinen ihrem Herrn Schutz zu bieten vor den Menschen und all dem Grauen da draußen in der Welt. Da drin herrscht sicher die isolierende Distanz, mit der man den Rummel, jeden Rummel, mental überstehen kann.
Danke, Norbert Weke. Heute mag ich die Kirmes. Natürlich nur, wenn ich der Mann im Kassiererhäuschen sein dürfte.

Werner Strasdat


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