Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Der 2. Ort

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Norbert Weke, Dortmund, 2006 (zurück zur Übersicht)

Der Zweite Ort

Neue Fotografien von Norbert Weke

Wir haben umgangssprachlich kein Problem damit, einem Ort oder einem Raum Seele, Charakter oder sogar ein Gesicht zuzuweisen. Und die damit entsprechenden Attribute: freundlich, heiter, vertrauenserweckend oder düster, bedrohlich und abweisend. Orte können in unserer Alltagsbegrifflichkeit zwar nicht sprechen, wohl jedoch Ausstrahlung und Stimmungen verströmen wie ein lebendes Wesen. Die Literatur arbeitet damit schon lange, die Fotografie auch: Das freundliche Hotelzimmer, der unheimliche Tunnel, die drohende Schlossruine, die traurige Vorstadt, das fröhliche Kinderzimmer, die gähnende Leere. Jedes Klischee und jede verhobene Metapher scheinen recht, Hauptsache, der Ort oder der Raum wird vermenschelt, auch wenn gar keine Menschen da sind. Vielleicht gerade deshalb - ohne Mitmenschen muss wenigstens dem Ort menschliches zugewiesen werden. Ob gut oder böse ist hier nicht wichtig. Wenn schon kein Wer unser hier-sein spiegelt, dann wenigstens ein Was. Wer will schon allein im Raum sein? Kinder machen das übrigens ganz selbstverständlich, indem sie lachende Häuser und weinende Wolken malen. Der Wunsch nach Projektion sucht sich eben immer eine Fläche. Die räumlichen Dimensionen unserer Existenz werden emotional aufgeladen, das ist unsere Natur, auch dort, wo es keine Natur gibt.
Aber was wäre, wenn ein Ort noch ein zweites Gesicht hätte, und zwar ein zunächst unsichtbares Gesicht, sichtbar nur denen, die über ein Übermaß an Imagination verfügen? Wenn sozusagen jeder Ort noch ein kleines Paralleluniversum in sich trüge, eines mit Abweichungen allerdings?





''Der Zweite Ort'' kann tückisch sein. Fluchten werden zu Sackgassen, Brücken zu Abgründen, Treppen zu Fallen, Offenes zu Geschlossenem. Auswege führen ins Nichts oder zumindest in tote Winkel.
Der Fotodesigner Norbert Weke zeigt mit seiner vorliegenden Arbeit ''zweite Orte'', die bei aller funktionalen Vertrautheit verstörend wirken: U-Bahnhöfe, Brückenunterführungen, Straßenschluchten, schäbig beschmierte Betonwände und polierte Glitzerfassaden. Tagsüber haben diese Orte kein Gesicht, weil wir dann nicht allein im Raum sind. Menschen und ihre Geschäftigkeit reduzieren den noch ''Ersten Ort'' auf seine profane Funktion.

Norbert Weke nimmt ein paar Parameter weg - Menschen, Funktionalität - und fügt dafür ein paar neue hinzu. Routiniert als zunächst genremäßige Stadtlandschaft in Nachtbeleuchtung inszeniert, entpuppt sich ''Der Zweite Ort'' rasch als signifikante Abweichung vom Pfad des Sinnhaften, denn die architektonische Symmetrie wird formal beibehalten und dennoch ihrer ''Vernünftigkeit'' im engsten Wortsinn beraubt. Schon kleinste Veränderungen der Orte und Räume lassen die emotional sonst übliche Zuweisung umkippen. Norbert Weke lädt uns ein zu einem Spiel mit unserer Projektionsfähigkeit. Egal welche Träume oder Albträume da um die Ecken kommen - die beteiligten Räume können jedenfalls nichts dafür. Der Zweite Ort kommt, genau wie das Zweite Gesicht, immer aus dem eigenen Unterbewusstsein.

Werner Strasdat

© Sämtliche Nutzungsrechte an den abgebildeten Fotografien liegen bei Norbert Weke