Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Der Reisende

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Jens Sundheim, Bernhard Reuß, Bochum / Dortmund / Duisburg / Gelsenkirchen / Gladbeck / ..., 2002-2004 (zurück zur Übersicht)

Das Projekt ''Der Reisende'' unternimmt den Versuch, das Reisen wie dessen Dokumentation im Zeitalter des Internet (neu) zu definieren: Reiseziel wie Reiseroute werden von Webcams vorgegeben, denen der Reisende in der Annahme folgt, dass sie Sehenswertes erfassen. ''Ich war da'', die scheinbar einzige Botschaft, oder besser: das Ziel. An der Webcam angekommen, postiert sich der Reisende im Bild, wird von der Kamera erfasst, um von nun an die Reise virtuell fortzusetzen: In Pixel zerlegt, bewegt er sich durch Zeit und Raum, ist - bei Eingabe der richtigen Adresse - auf jedem vernetzten Rechner rund um den Globus nahezu gleichzeitig sichtbar. Webcams produzieren, abhängig von technischen Möglichkeiten und dem Willen ihrer Betreiber, ständig neue Bilder. Jede Stunde, jede Minute, einmal am Tag oder in Echtzeit. Bevor das flüchtige Bild von neuen Daten überschrieben wird, wird es von uns abgepeichert, als ''Webfotografie'' konserviert. So werden die erreichten Stationen durch die Webcambilder als Art moderne, digitale Postkarte dokumentiert. Gründe, Webcams auf die Welt zu richten, sind so vielfältig wie die dabei entstehenden Bilder. Sie reichen von Information (Verkehrscams z.B.) bis Überwachung, vom Bewerben touristisch sehenswerter Plätze bis hin zu privaten Cams, aufgestellt aus Technikbegeisterung und freizeitlichem Vergnügen, die oft nicht mehr als den Hinterhof ihres Besitzers zeigen. Auch hier gilt: ist der Hinterhof erst einmal im Netz, wird er und damit auch der Betreiber der Webcam Teil einer ganzheitlichen virtuellen Welt: des World Wide Web. Für das Reisenden-Projekt selbst ist die Motivation des Webcamaufstellers zweitrangig - die Arbeit wird umso vielschichtiger, je mehr ''verschiedenartige'' Kameras angesteuert werden. Zur Präsentation Den Webfotografien gemein ist eine besondere Ästhetik. Neben der recht niedrigen Auflösung der meisten Cams lässt die zur Übertragung eingesetzte JPEG-Komprimierung sog. Artefakte, Unregelmäßigkeiten oder scheinbare Störungen der Bildstruktur, entstehen, die den Bildern ihren Reiz verleihen. Erst ein Medienwechsel, ein Lösen der Arbeiten vom Computerbildschirm bringt dies zur Geltung. Die Webfotografien werden als großformatige Ausbelichtungen (rund 70 x 100 cm) in Ausstellungen präsentiert. Zudem ist ein Buchprojekt in Planung. Die Website http://www.der-reisende.org stellt das Projekt vor und präsentiert aktuelles Bildmaterial. Bislang besuchte der Reisende rund 250 Webcams in Deutschland, Frankeich, Holland, Großbritannien, der Schweiz, dem Fürstentum Liechtenstein und in den USA. Nach und nach soll das Projekt den Reisenden auf alle Kontinente führen, die Illusion einer grenzenlosen Reise entstehen. Inzwischen hat das Projekt die Anerkennung einer internationalen Kunstzeitschrift erfahren. Unter anderem wurde es auf Festivals in Arles und Prag präsentiert. Neben vielen Orten im Rurgebiet führte die Arbeit am Projekt den Reisenden zur legendären Kaffeemaschine, auf die die erste Webcam der Welt zeigte, und in die Zelle einer New Yorker Polizeiwache.

© Sämtliche Nutzungsrechte an den abgebildeten Fotografien liegen bei Jens Sundheim, Bernhard Reuß