Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Elektrostahlwerk Oberhausen

Elektrostahlwerk Oberhausen zurück zur Übersicht

Stefanie Grebe, Oberhausen, 1997 (zurück zur Übersicht)

Dokumentation des Elektrostahlwerks in Oberhausen im Dezember 1997 // Auftrag Rheinisches Industriemuseum Oberhausen, anläßlich der Schließung des Werkes am 19.12.1997// Text und Fotografien: Stefanie Grebe

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I. Das fotografische Credo

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Das Absterben der Stahlindustrie im Ruhrgebiet und Rheinland und der damit verbundene Strukturwandel sind aktuelle Phänomene. Wie und ob dieser Wandel, der ein Prozeß und kein Zustand ist, im fotografischen Bild festzuhalten ist, ist herauszufinden. Es ist anzunehmen, daß es eher die Differenz zum Alltag der Betrachter ist, die diesen Wandel deutlich machen wird. Die Betrachter der Zukunft werden in den Fotografien die Relikte einer vergangenen Zeit entdecken. Ich versetze mich in die Zukunft und versuche mir vorzustellen, welche Bilder von Interesse sein könnten und herauszufinden, welche mich jetzt interessieren: es sind Bilder, die ästhetisch gut sind und präzise Information vermitteln. (Welche Industrie-Fotografien aus dem 19. Jahrhundert und Anfang dieses Jahrhunderts sind es, die ich bewunderte?) Als Autorenfotografin erliege ich nicht dem Zwang, eine Prozeßdarstellung (bezogen auf den Arbeitsvorgang) oder Industriefotografie abzuliefern. Credo meiner Arbeit ist ästhetische Heterogenität, um eine inhaltliche Genauigkeit meiner Position, nicht eines Sachverhaltes zu gewährleisten. Meine Position zeigt die an die Mächtigkeit des Mythos reichende Stahlschmelze, die dem Menschen und dem Arbeitsprozeß angepassten Arbeitsverhältnisse, die Menschen, die die hochautomatisierten Funktionsabläufe steuern, kontrollieren und ergänzen und die Spuren des Arbeitsalltages . Die entfesselten Naturkräfte stehen in einem nachvollziehbaren Verhältnis zu den sichtbaren Arbeitsabläufen, die sie erzeugten und steuern. Ordnung und Chaos ähneln „natürlichen“ Abläufen. Die schon abgebauten, verlassenen Räume geben Zeugnis über den status quo 1997, kurz vor der Schliessung am 19.12.1997. Um die Fotografien zu verstehen, ist es unerläßlich einige Text-Informationen hinzuzufügen.









II. Das Elektrostahlwerk: Arbeitsabläufe, Schließung

„Die Lage wird dadurch so kompliziert, daß weniger denn je eine einfache Wiedergabe der Realität etwas über die Realität aussagt. Eine Fotografie der Krupp- Werke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute. Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht. Die Verdinglichung der menschlichen Beziehungen, also etwa die Fabrik, gibt die letzteren nicht mehr heraus.“
Bertold Brecht


Bei nachfolgenden Informationen war mir Herr Scheuer behilflich:
1980 ging das Elekrostahlwerk der heutigen Stahlwerk Oberhausen GmbH als das größte Elektrostahlwerk Deutschlands in Betrieb. Das Stahlwerk Oberhausen war der größte Reststoffverwerter der Thyssen Stahl AG. (70% Thyssen Stahl Anteil)
Per LKW und Bahn werden die Schrotte und Reststoffe angeliefert und mit Magneten in Schrottkörbe geladen und über Schienen und Kräne dem Elektrolichtbogenofen zugeführt. Es gibt zwei Öfen, von denen immer nur einer in Betrieb ist, der andere in Reserve steht. Durch elektrischen Strom, der durch den Schrott fließt entsteht ein Kurzschluß ( der Lichtbogen), dadurch wird der Stahl eingeschmolzen und nach ca. 100 Minuten durchschnittlich 135 t Stahl mit einer Temperatur von 1650 °C abgegossen. In der dem Lichtbogenofen angegliederten Pfannenofenanlage wird der Stahl entschwefelt, legiert und auf die für die nachgeschaltete Stranggießanlage erforderliche Temperatur gebracht. Dort wird der Stahl in sechs Strängen in Abmessungen von 100 bis 160 mm vierkant zu Knüppeln vergossen, die als Rohmaterial zur Draht- und Profilstahlherstellung eingesetzt werden. Die zwischen 6 und 16 Meter geschnittenen Knüppel werden in der nachfolgenden Adjustage und Verladung gebündelt, markiert und auf Bahnwaggons oder LKW verladen und abtransportiert.
Die Produktion betrug bei dreischichtiger Arbeitsweise mit Wochenendstillständen zwischen 30.000 und 35.000 Monatstonnen. Es waren bis zum 19.12. 1997 190 Mitarbeiter beschäftigt, die, sofern sie nicht über Sozialplan oder Abfindungsvertrag ausscheiden, in den Thyssen Konzern übernommen werden sollen. Das Werk wird aus Rentabilitätsgründen geschlossen, da schon seit einigen Jahren - dies ist ein offenes Geheimnis - die Tonne Stahl mit ca. 100 DM subventioniert wurde. Der selbe Stahl wird also in Zukunft in Billiglohnländern produziert werden.
Obwohl es in den letzten Jahren zu starken Rationalisierungen gekommen ist, die sich in einer Mehrbelastung der einzelnen Arbeiter äußerte, obwohl mit einer finanziellen Verschlechterung und einem eventuellen Wohnortwechsel zu rechnen ist, fiel mir bei meinen Besuchen eine große Zufriedenheit der Arbeiter und eine sehr gute Arbeitsatmosphäre auf. Bei einigen Gesprächen, die schwer zu führen waren, da die Arbeitsprozesse wenig Freiraum ließen, kamen jedoch auch die Vorbehalte den anstehenden Veränderungen gegenüber zur Sprache: wie wird die Bezahlung sein, wo wird es sein, ist man dann immer fünftes Rad am Wagen etc. Es gibt ein Angebot für mehrere Monate in einem Stahlwerk in den Vereinigten Staaten zu arbeiten, das schon von erstaunlich vielen Arbeitern angenommen wurde. Auch die Abfindungen scheinen sich für bestimmte Arbeiter (wenn Alter, Familienstand und Zukunftspläne positiv korrelieren) als sehr günstig zu erweisen. Bei Rundgängen im Werk sind ca. 15 Arbeiter zu sehen, die die hochtechnisierten und automatisierten Arbeitsgänge kontrollieren und korrigieren. Immer gibt es ein Zusammenarbeiten und der Prozeß ist sehr transparent. Die Arbeiter waren unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Nationalität, jedoch mit deutschen Arbeitern in der Mehrzahl. Die Mythen des Sozialismus, wie in „Als der Stahl gehärtet wurde“ beschrieben, sind nach meinem Besuch gut zu verstehen: Technologie und Teamarbeit zusammen schaffen unter Entfesselung sehr archaischer Kräfte einen für die Wirtschaft sehr bedeutsamen Rohstoff. Auch wenn wir im Kapitalismus leben, hat solch eine Arbeit zur positiven Identifikation beigetragen. Die Bedeutung der Arbeit ist evident, die Arbeit - auch wenn die Produktionsmittel nicht im Besitz der Arbeiter waren - war nur wenig entfremdet und sehr überschaubar und doch anspruchsvoll. Die Schließung trägt zur weiteren Immaterialisierung unseres Alltags bei, zur Spaltung zwischen den reichen Industrienationen und den Billiglohnländern und zum Verlust des Bewußtseins über die Zusammenhänge. „Die Sendung mit der Maus“ wird in Zukunft von den musealisierten Überresten der Stahlindustrie erzählen können oder zeigen, wie wir aus Malaysien den Stahl importiert bekommen.

Neben den Schichtarbeitern zählen zur Erhaltung Schlosser, Elektriker, Kranführer und Meß- und Regeltechniker.
Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, was in meiner Darstellung fehlt: das Labor, die technische Datenauswertung, die Verwaltung, eine Luftaufnahme des Geländes und eine Umfeldbeschreibung.
Das Umfeld ist hochinteressant, da es genau im Herzen des umstrukturierten Gebietes Neue Mitte Oberhausen liegt, in dem IBA Projekte, der Gasometer mit Ausstellungsbetrieb, Centro, ein nach amerikanischem Maßstab aufgezogenes Einkaufszentrum mit Verkehrsanbindung, eine Diskothek in einer Turbinenhalle und neue Technologieunternehmen angesiedelt sind. Es gibt Pläne, in dem stillgelegten Stahlwerk eine Art Stahlwerkssimulations-Kirmes resp. eine multimediale Erlebnisausstellung einzurichten. Die Film- und Tonaufnahmen haben in den letzten Tagen vor der Schließung stattgefunden. Es soll eine Leinwand zwischen die zwei Öfen gespannt werden, auf die die spektakulären Aufnahmen projiziert werden sollen: Korbsetzen, der Lichtbogen etc. Die DAT Geräte haben bei dem ohrenbetäubenden Lärm versagt und es mußten analoge Aufnahmen erstellt werden.
In den letzten Tagen des Werkes gab es viele Besucher aus Asien (Malaysia, Thailand, China), die Interesse an der Verschiffung des gesamten Werkes zeigten.

© Sämtliche Nutzungsrechte an den abgebildeten Fotografien liegen bei Stefanie Grebe