Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Ich

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Engels & Kraemer, Bochum, 2016 (zurück zur Übersicht)

Bei der Serie 'ICH' handelt es sich um ein Projekt mit der Hilda-Heinmann-Schule (Schule für geistige Entwicklung) in Bochum.
Zur Kernaufgabe dieser Schule zählt die Förderung geistiger Entwicklung. Gleichwohl dehnt sich das Engagement aber auch auf den Sport und die Kreativität in den musischen Bereichen aus.
Zwei Tage lang haben die Photographen die Schüler*innen vor Ort abgelichtet. Ihr Studio ist daher in die Hilda-Heinemann-Schule verlegt und hier aufgebaut worden. Obschon Porträtaufnahmen zum Berufsalltag der Photographen gehören, hat das Entstehen der Bildnisse der Schüler*innen, deren Alter die Spanne von sechs bis zweiundzwanzig Jahren umfasst, eine andere Herangehensweise als gewöhnlich erfordert. So ist auf standardisiertes Vorgehen verzichtet worden, um sich in gebührender Weise der Individualität jedes bzw. jeder Einzelnen zu widmen. Positioniert vor neutralem dunklen Hintergrund treten die Dargestellten wirkungsvoll in Erscheinung, zugleich lassen sie eine überraschende Bandbreite unterschiedlicher Haltungen und verschiedenartigen Verhaltens vor der Kamera erkennen: Mal sind sie als Ganzfigur zu sehen, mal in Dreiviertelansicht, mal im klassischen, seit Renaissancezeiten gültigen Format als Brustbild frontal ausgerichtet, mal als Halbfigur, mal im Profil und mal im Detail. Frei nach eigenem Belieben nahmen einige SchülerInnen ihr Lieblingsspielzeug oder Kuscheltier mit ins Bild, andere suchten kommunikativ den direkten Blickkontakt, andere wählten die Attitüde der Pose.
Berührend und bestechend zugleich wirkt die Ausdruckskraft der Porträts, deren serielle Anordnung das facettenreiche Spektrum emotionaler Befindlichkeiten anschaulich auffächert. Es reicht von Distanziertheit, Scheu, Introvertiertheit, Verträumtheit, klarem Fixieren, selbstbewusster Gegenüberstellung über verhaltenem bis hin zu freundlichem Lächeln und gestischer Artikulation. Der Professionalität des Photographenduos, dem einfühlsamen und überlegten Vorgehen, dem kalkulierten „ins Bild setzen“ und dem Abschätzen des „richtigen Augenblicks“, verdankt sich das eindrucksvolle Repertoire dieser Aufnahmen, denen die komplexe Strategie von der jeweils spezifischen Komposition bis hin zu raffinierter Ausleuchtung nicht anzusehen ist. Ganz natürlich wirken die Dargestellten, in ihren Bildnissen sind Aussehen und Persönlichkeit eindringlich erfasst. Forderte vor nahezu einhundertachtzig Jahren, als die Porträtphotographie sich noch im Entwicklungsstadium befand, das Ausharren vor der Kamera ein hohes Maß an Geduld vom Porträtierten, so bietet der technische Fortschritt im Digitalzeitalter ein völlig neues Potential an Möglichkeiten, derer sich auch Engels & Kraemer bedient haben. Souverän balancieren die Schwarzweiß-Aufnahmen die Ambivalenz von sachlicher Dokumentation und subtiler Ästhetik aus. Die Nähe der Dargestellten intensiviert das unmittelbare Vis-a-Vis, das wesentlich zur Steigerung der Präsenz führt. Bedingt durch den Ausschluss des räumlichen und zeitlichen Umfeldes erzielen die beiden Photographen eine auf den Moment und die Situation gerichtete Konzentration. Die Dargestellten erscheinen gegenwärtig, ermöglichen die offene Betrachtung, ohne dabei den Aspekt der Distanziertheit aufzulösen. Die Physiognomie vermag es, durchaus begleitet von Persönlichkeitsmerkmalen wie der Kleidung und narrativen Elementen wie den Spielzeugattributen, die Aufmerksamkeit des Betrachters zu fesseln, die angesichts des direkten Blickkontaktes unversehens zu einer visuellen Begegnung mit dem Gegenüber führt. Betrachtung und Wahrnehmung gehen ineinander über.
Die Porträtserie ICH fokussiert intensiv und rücksichtsvoll die Individualität jedes einzelnen Schülers bzw. jeder einzelnen Schülerin und stärkt insgesamt das Zusammengehörigkeitsgefühl mit ihrem Lernort, der Hilda-Heinemann-Schule. In der vergleichenden Anschauung legt der Zyklus die unverwechselbaren Charakteristika der Einzelnen offen, verblüfft registriert der Betrachter allerdings auch, dass die persönliche Behinderung im photographischen Erscheinungsbild nicht relevant ist. Die Würde der Dargestellten und ihrer Porträts ist das künstlerische Verdienst der Photographen, das ihnen zu gleichberechtigter Wertschätzung verhilft.

Dr. Elisabeth Kessler-Slotta (Kunsthistorikerin)

© Sämtliche Nutzungsrechte an den abgebildeten Fotografien liegen bei Engels & Kraemer