Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Im Norden nichts Neues

Im Norden nichts Neues zurück zur Übersicht

Matthias Walendy, Dortmund, 2005-2006 (zurück zur Übersicht)

Schon immer übte das Ruhrgebiet eine gewisse Faszination auf mich aus. Hier wuchs ich auf, die Erzählungen und die Geschichte meiner Eltern und Großeltern erweckten mein Interesse für diese Region und die Leute, die hier leben.
Es ist wohl eher eine subjektive Schönheit, die von Außenstehenden schwer zu begreifen ist, eine eigene Ästhetik: die Vielzahl der Menschen, auf vergleichsweise engstem Raum, dazu die Landschaft, die von Natur und Industrie fast gleichermaßen beeinflusst ist.
Bevor ich in den Dortmunder Norden zog, war diese Gegend für mich ebenso mit Klischees belastet wie für viele andere auch. Kriminalität, Prostitution und Drogenhandel waren hier die Schlagworte, die sich nach meinen Erfahrungen jedoch als völlig unbegründet erwiesen. Das Viertel mit seiner Vielfalt erweckte nach und nach mein Interesse.
So entstand die Idee, das Leben der Menschen und die Kulisse der Nordstadt in einer fotografischen Arbeit darzustellen. Im Rahmen eines Seminars an der Fachhochschule Dortmund im Wintersemester 2005/2006 konnte ich sie schließlich aufgreifen. Das Ergebnis erhebt nicht den Anspruch einer soziologischen Untersuchung, sondern stellt eher eine subjektive Betrachtungsweise in den Vordergrund.
Die Serie „Im Norden nichts Neues?“ gestaltete ich wie ein Spaziergang, ein Umherschlendern, ein Beobachten und Entdecken: ohne festes Ziel die Straßen entlang gehen, auf Menschen treffen, Dinge sehen, die einem vorher nie auffielen.
Dabei ließ ich mich entweder vom Zufall leiten, oder auch von meinem subjektiven Empfinden, meinem persönlichen Bild der Nordstadt, dass ich versuchen wollte wiederzugeben.
Dieses Bild ist von Widersprüchen geprägt. Die Altbaufassaden, das lebendige Treiben auf den Straßen, die Vielfalt der Kulturen, all das übte eine gewisse Faszination auf mich aus. Doch Missstände wie der Dreck und Schmutz auf den Straßen, die Alkoholiker auf dem Kinderspielplatz, und eine teilweise ignorante und misstrauische Umgangsart der Menschen untereinander trübten diese Begeisterung immer wieder. Ich wollte aber auch wissen, wie sich die Menschen fühlen, wie sie ihren Stadtteil erleben. Viele von ihnen wollten so schnell wie möglich wegziehen. Für andere war die Nordstadt zur Heimat geworden, und ein Leben woanders war nicht mehr vorstellbar. Manche, vor allem Studenten, leben aufgrund der niedrigen Mieten in der Nordstadt und wiederum andere, weil hier vieles nicht so ernst genommen wird.
Widersprüche und Gegensätze bestimmen letztendlich das Gesamtbild.
Sind es nicht vielleicht die Formen der Verwahrlosung und des Verfalls, die der Nordstadt sogar einen gewissen Charme verleihen?
Die multikulturelle Vielfalt der Bewohner mit ihren unterschiedlichsten Lebensstilen und Kulturen bereichern sicherlich das Stadtbild. Dabei ist die Frage der Integrationsproblematik nicht zu übersehen.

Antworten kann ich mit diesen Bildern nicht geben, und ich wollte es auch nie. Mein Wunsch ist es, den Betrachter an meiner persönlichen Wahrnehmung teilhaben zu lassen.
Vielleicht findet der Betrachter seine eigene Meinung, denn ein Blick über den Zaun schadet nie.

Matthias Walendy

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