Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Im Ruhrgebiet

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- Chargesheimer, Bottrop, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Marl, 1957-1958 (zurück zur Übersicht)

Chargesheimer Im Ruhrgebiet:

1957 bereisten Heinrich Böll und Carl-Heinz Hargesheimer (Chargesheimer) das Ruhrgebiet. Es entstand der Bildband „Im Ruhrgebiet“, der bei den Verantwortlichen in der Region schärfste Ablehnung und vehemente Proteste hervorrief, während es außerhalb höchstes Lob bekam und heute als eines der wichtigsten regionalen Zeitdokumente der späten 1950er Jahre gilt.

„Da unten, da oben, da im Westen – sagen die Deutschen – da riecht es nach Ruß und nach Macht. Denn Kohle und Stahl sind Macht. Aber es riecht dort vor allem nach Menschen ...“ Bis heute sind Heinrich Bölls Worte wirksam in der Wahrnehmung des Ruhrgebiets, und auch die Bilder von Chargesheimer und anderen halten sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Kohlerevier, Ruß-Land oder Pott sind immer noch Namen für die Region.
Mehr als 50 Jahre ist es her, dass das Buch „Im Ruhrgebiet“ des Kölner Fotografen Chargesheimer (mit bürgerlichem Namen Carl-Heinz Hargesheimer) mit Texten von Heinrich Böll im Verlag Kiepenheuer & Witsch herausgegeben wurde. Und 50 Jahre ist es her, dass sich Ruhrgebietspolitiker, allen voran der Essener Oberbürgermeister Wilhelm Nieswandt über diese „Darstellungen von Außenseitern“ echauffierten.
Wie geht es uns aber heute, wenn wir auf Chargesheimers Bilder zurückschauen? Auf die Bilder einer vergangenen, rußgeschwärzten Zeit, die aus eigenem Erleben nur noch wenige kennen, und die doch das Bild des Ruhrgebietes weiter bestimmen. Fotografien von Menschen bei der Arbeit, am Hochofen und natürlich unter Tage, aber auch in der Kneipe und beim Tanz, bei den Brieftauben, beim Gesang, bei der Taufe, bei der Kommunion, bei den Maidemonstrationen, auf dem Rummel, beim Einkauf auf dem Markt oder in den Konsummeilen der Innenstädte. Oder beim Sonntagsspaziergang, wenn die Arbeiter sich als feine Herrschaften zeigten; auf der Rennbahn, mit dem Gefühl der High-Society zum Verwechseln ähnlich zu sein; beim Schönheitswettbewerb und natürlich beim Fußball. Die Bilder setzen die Menschen in den Mittelpunkt, obwohl der Band mit Landschaftsbildern von Ackerland, von der Ruhr und von der Industriestadt beginnt. Wahrscheinlich lautet der Titel deshalb „Im Ruhrgebiet“ und nicht „Das Ruhrgebiet“. Und Chargesheimer zeigt uns nicht die Industriellen, nicht die Banker, nicht die Ärzte, nicht die Rechtsanwälte und nicht die Lehrer, sondern die Kumpel, die Stahlarbeiter, die Taubenväter, die Kinder, Mütter und Großmütter, die Invaliden, die Paare und Familien oder kurz, die einfachen Leute. Die Arbeiter und die, die sie versorgen und umsorgen, sind für ihn das Ruhrgebiet.
Chargesheimer ist diesen Menschen nahe, nicht nur mit der Linse sondern mit dem Verstand. Und die Menschen akzeptieren diesen Fotografen, den „Außenseiter“ aus Köln mit der Kamera um den Hals und vor dem Auge, weil Sie spüren, dass er auf ihrer Seite steht. Er zeigt die Kumpel bei der Arbeit, angespannt, verschwitzt, verdreckt und nach der Arbeit erschöpft, aber auch wild gestikulierend und diskutierend in der Kneipe, beim kühlen Bier. Trotz der Nähe behält Chargesheimer immer kritische Distanz, die in den Aufnahmen zu spüren ist: Der stolze Jungbergmann, der seine adrette Braut im Sonntagsanzug durch den Park führt; der Stau der Sonntagsausflügler auf der Autobahn auf dem Weg in die Waldgebiete am Rand des Ruhrgebiets; der triste Vorgarten mit dem Quadratmeter bepflanzter Idylle aus Stiefmütterchen; die Industriekulisse mit der Waschmittelwerbung oder der Bauer mit dem Pferd vorm Pflug, im Hintergrund die Abraumhalde.
Diese Bilder zeigen keine Schönheit, wie sie die Kraft der Fotografie künstlich erschaffen könnte. Selbst da, wo Zukunft sichtbar wird, wie in den damals neuen rechteckigen Wohngebäuden der späten 1950er Jahre, zeigt der Fotograf den Gegensatz, den Abbruch der alten Bausubstanz. Diese Bilder spiegeln eine Kraft, die das Ruhrgebiet unverwechselbar macht. Es sind ehrliche Bilder, erzählende Bilder, bewegende Bilder und nicht zuletzt mystifizierende Bilder.
Was will man mehr? Vielleicht andere Mythen? Schlösser mit Schlossherren und -damen? Bälle mit rauschenden Abendkleidern? Saubere Schreibtischarbeit? Riesige Wohnpaläste? Weite Parks und unberührte Landschaft? Freizeit an der See oder Picknick im Grünen? Jagdausflüge und Tennisturniere? Oder näher gegriffen Fachwerkidylle in Hattingen oder Kettwig, Unternehmergeist in der Villa Hügel, Kunst im Museum Folkwang, Sechs-Tage Rennen in den Westfalenhallen, Schauspielkunst in Bochum?
Auch heute suchen Fotografen nach Bildern, die die Lebensumstände im Ruhrgebiet zeigen, wie sie sind und nicht wie sie sein sollten. Sie leben und arbeiten hier, sie erkunden mit der Fotografie ihren Lebensraum und verstehen ihr Schaffen nicht als PR-Aktion. Und wieder sind Politiker und Stadtvermarkter wenig mit der ehrlichen Sichtweise der Fotografen einverstanden.
Und der Blickwinkel kehrt sich um: Ich höre schon die Stimmen, die nach der zuvor verpönten Sicht von Außen rufen. Sie soll uns die hohen und verkannten Qualitäten zeigen. Und sei es für große Summen.

Peter Liedtke (2008)

© Sämtliche Nutzungsrechte an den abgebildeten Fotografien liegen bei dem Rheinischen Bildarchiv Köln.