Pixelprojekt_Ruhrgebiet - In der Schlenke

In der Schlenke zurück zur Übersicht

Marius Maasewerd, Marl, 2010-2012 (zurück zur Übersicht)

Leben in einer Siedlung ist für viele Menschen das Maß aller Dinge. Gemeinschaft und Sicherheit prägen diese Art der Wohnform genauso, wie zahlreiche Geschichten die dort geschehen. Was aber passiert wenn die Bewohner diesen Ort verlassen müssen? »In der Schlenke« ist eine Dokumentation des Zerfalls und der Entwurzelung. Angefangen mit dem Zustand einer intakten Siedlung und ihren letzten Bewohnern kommen erste Fragen auf was hier geschieht. Vorgärten sind gepflegt, die Straßen grau und sauber; nichts lässt erahnen, welche Veränderungen kommen. Auf den Straßen fehlen die Autos und eine beklemmende Stille trübt das Gefühl. Die Wandlung in eine Geisterstadt nimmt ihren Lauf. Blickdichtes Blech vor Fenstern und Türen schützen die letzten persönlichen Überbleibsel in den Häusern, aber widersprechen dem ansonsten herrschenden Eindruck einer heilen Welt. In den Gärten zeigen sich erste Veränderungen. Die fehlende Pflege macht es der Natur leicht sich wild wuchernd auszubreiten. Gehsteige verschwinden unter Unkraut, blühende Ranken sind der einzige Beweis für Leben. Individuelle Überbleibsel der ehemaligen Bewohner werden immer weniger und vollziehen einen Wandel ins Ikonographische. Durch die Säuberung der Gärten verlieren sich die letzten, von außen sichtbaren persönlichen Geschichten.
Gartenlauben und Grillplätze sind jetzt nur ein matschiges von tiefen Baggerspuren durchzogenes Feld. Entfremdete Wohneinheiten bleiben zurück. Die Form wandelt sich in ein grafisches Abbild, das dem einer Mustersiedlung ähnelt. Zäune
umschließen nun die Siedlung. Die Entkernung beginnt. Ein letztes Mal lässt der Kern in die Vergangenheit blicken, Klingelschilder und selbstgemalte Bilder an den Wänden bleiben als Überreste menschlicher Wohnkultur. Auf dem Grundriss steht nichts mehr; alle Unebenheiten werden nach und nach geglättet und zurück bleibt eine Fassade, die einzig im Verhältnis zu ihrer Umgebung steht. Mit dem Abriss der Hülle verändert sich die Form brutal. Zusammengefallene Häuser, Schutt, Steine und der Lärm der Maschinen nehmen den Raum ein. Die feine Grafik wird in ihre Bestandteile zersetzt und sortiert wie Bausteine in Container gelegt. Nach Arbeitsende bleiben nur noch zwitschernde Vögel auf vereinzelten Bäumen zurück.
Die ausgehobenen und mit Regenwasser vollgelaufenen Fundamente erschaffen kurzfristig neue Formen, die durch die Abzäunung zusammengehalten werden; haben jedoch nicht lange Bestand. Mit deren Wegfallen bleiben nur noch dreckige Straßen, die auf dem nun riesig erscheinenden Gelände wie ausgetrocknete Flüsse wirken. Sie fließen durch leeres Land. Es ist ruhig geworden. Menschliches Leben ist nicht mehr zu finden. Tiefe Risse in den bröckelnden Bordsteinen und ein weiter
Blick bleiben zurück. Die Form wurde komplett umgestaltet und kann sich nun neu definieren.

Geschichtliche Einordnung Angefangen hat alles mit dem industriellen Boom im Ruhrgebiet. Die Zechen wuchsen nur so aus den Böden und dicke Rauchschwaden überzogen die ganze Region.
Viel Arbeit zog auch viele Menschen an und alle brauchten einen Ort an dem sie wohnen konnten. Arbeitersiedlungen wurden überall von den Stahlwerken und dem Bergbau errichtet, um dort nah dem Arbeitsplatz den Menschen ein Heim zu geben. Geräumige Wohnungen und große Gärten bereiteten den Bewohnern eine schöne Unterkunft und schnell bildeten sich in den Siedlungen große Gemeinschaften. Doch was passiert mit den Wohnflächen heutzutage? Mit der Schließung der Zeche Marl Brassert am nördlichen Rand des Ruhrgebiets verlor die Siedlung „In der Schlenke“ Ende der 70er Jahre ihre ursprüngliche Funktion.
So jedenfalls argumentiert der anliegende Chemiepark, der das Gebiet für seine Westerweiterung benötigt. Nur wohin mit den Menschen die dort schon jahrzehntelang leben und aufgewachsen sind?
Mietverträge werden aufgelöst und Eigenheime aufgekauft, sodass dem drittgrößten Chemieareal Deutschlands der Weg frei gemacht wird. Ein riesiges Betätigungsfeld für lokale und regionale Politiker.
Doch all der Protest zögerte das Unausweichliche nur ein wenig hinaus. Die einst blühende Siedlung verwandelt sich immer mehr zu einer Geisterstadt.

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