Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Kohlenpott-Kinder

Kohlenpott-Kinder zurück zur Übersicht

Karsten Fricke, Bochum, Duisburg, 1972-1983 (zurück zur Übersicht)

Aus einem zunächst rein architektonischen Dokumentationsbestreben seit Beginn der siebziger Jahre erwuchs mit der Zeit der Wunsch, hinter die äußeren Fassaden der alten Siedlungshäuser zu sehen. Schauplätze waren Duisburg, Gelsenkirchen und Bochum. Dort entdeckte ich dann, dass die Straßenkinder das viel interessantere Motiv sind. Wichtig war mir das Vertrauen der Bewohner mir gegenüber, eine unabdingbare Voraussetzung für meine Arbeit. Ich ließ mich deshalb über zehn Jahre lang möglichst oft in diesen Gegenden sehen. So wurde ich schließlich als einer von ihnen akzeptiert. Dieses gute Verhältnis wurde leider mit zunehmender Sanierung getrübt. Plötzlich begannen die Medien, sich für Duisburg-Hochfeld, - Bruckhausen, - Hamborn und andere Stadteile zu interessieren, weil es dort alles so „schön kaputt“ aussah. Bewirkt hat das nichts, außer dem bedauerlichen Umstand vielleicht, dass sich meine Arbeit fortan schwieriger gestaltete. Heute sind große Flächen dieser Stadtteile, darunter geschlossene alte Arbeitersiedlungen, zu Gunsten von Parkplatzflächen oder künstlichen Landschaftsflächen – wie im Falle von Bruckhausen – totalsaniert worden. Die Menschen die dort einst lebten, wurden umgesiedelt.

Die Kinder werden ihre alte „Heimat“ an der Kupferhüttenstrasse in Duisburg-Hochfeld sicher vermissen. In den 1970er-Jahren fragte dort niemand danach, wenn einige Meter geklauter Wellpappe vorübergehend als ein sicherer Schutz vor einem Regenschauer diente. Wer nahm schon Anstoß an den lautstarken Seeschlachten mit zusammengeschusterten Flößen auf der Riesenpfütze, halbe Baggerlöcher. Oder an der umjubelten Spazierfahrt im ausrangierten Kinderwagen der kleinen Schwester? Wer einen kleinen Schrebergarten in Hamborn besaß, mochte sich schon im Paradies auf Erden wähnen. Doch direkt dahinter lagen die gewaltigen Hochofen-Anlagen und Kokereien der August Thyssen Hütte. Sicherlich wird die Puppe im Arm des kleinen Mädchens viele Träume erfahren und Geheimnisse anvertraut bekommen. Vielleicht auch den Wunsch, dass man irgendwann in eine Landschaft ziehen möge, die so ist wie diese kleine Oase, nur mit mehr Grün. Für die Kinder jedenfalls waren es schöne Zeiten im „Kohlenpott“.

© Sämtliche Nutzungsrechte an den abgebildeten Fotografien liegen bei Karsten Fricke