Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Markt

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Daniel Kessen, Essen und Gelsenkirchen, 2013 (zurück zur Übersicht)

Zwei Flohmärkte mitten im Ruhrgebiet.
Das Autokino im Essener Norden und ein Areal im Schatten der Schalke-Arena verdichten Lebensgeschichten aus aller Welt auf zwei schlecht geschotterten Parkplätzen.
Als ich zum ersten Mal durch das große Tor trete, bin ich plötzlich ein Fremder im eigenen Land. Kaufleute und Kunden aus aller Herren Länder feilschen um Gemüse und Glühbirnen. Ein eigener Wirtschaftskreislauf jenseits von Supermarkt und Discounter. Auf Decken breitet Armut ihre Waren aus. Hier wird feil geboten, was vom Tisch der Überflussgesellschaft gefallen ist. Schrott und Trödel. Zwischen den Lumpen glitzern fröhliche Festtagskleider. Inmitten der Waren sehen mich die Menschen an.
Ein Jahr lang habe ich die Kontraste geatmet, Lebensgeschichten gelauscht und durfte ich den Flickenteppich der Kulturen mit der Kamera erforschen.

Ich möchte Sie mitnehmen auf eine Reise zu Ihren unbekannten Nachbarn. Treten Sie mit mir durch das Tor zum Flohmarkt!

''Billiger, billiger, billiger!'', dröhnt eine mächtige Stimme vom Gewürzstand. Mehr noch als die Bilder bedrängen mich Geräusche und Gerüche. ''Ein Euro, ein Euro, ein Euro'', quäkt weiter entfernt die Stimme eines Wurstverkäufers. Der Ruf findet sein Echo am Gemüsestand. Tuchhändler schreien um die Wette: ''Super Angebot, super Angebot, super Angebot!'' Türkische, osteuropäische und Wortfetzen, die ich keiner Nation zuordnen kann, mischen sich in den Klangteppich.
Im vorderen Teil des stillgelegten Autokinos erstrecken sich die Marktstände und Buden vornehmlich orientalischer Kaufleute. Ich mische mich in den Strom der ausländischen Kunden und kralle meine Hände um die wertvolle Kamera. Dabei glaubte ich bisher, frei zu sein von Vorurteilen.
Brot, Gemüse, Fisch und andere Lebensmittel füllen die Auslagen, aber auch Stoffe, Kleidung und Produkte des täglichen Bedarfs preisen die Marktschreier an. Hier erledigen Hunderte ihre ganz normalen Wocheneinkäufe.
Zwischen Kartoffelsäcken schillert Babykleidung, und goldene Rosen malen florale Muster auf kunstseidene Bettwäsche. Schaufensterpuppen präsentierten rosafarbene Mädchenträume aus Polyester. Der krasse Kontrast zwischen taillierten Prinzessinnenkleidern voller Glitzersteinchen und dem matschigen Untergrund, auf dem die verbeulten Transporter rosten, reizt den Fotografen. Aber ich bin überfordert. Fühle mich fremd.
Hinter den Ständen verändert sich das Bild. Osteuropäische Händler breiten ihre Waren auf Decken und Planen aus. Einfach gekleidete Männer sitzen in Fahrerkabinen und Frauen in den offenen Schiebetüren der Kleintransporter, warten auf Kunden. Mit krakeliger Schrift sind Handynummern und Aufschriften wie ´Entrümpelungen aller Art´ auf die Karosserien gepinselt. Die Melodie des Klüngelskerls flötet. Zwischen Kinderwagen und Kuckucksuhren, Schraubenschlüsseln und Suppenschälchen liegen zerschlissene Teddybären und abgeliebte Kinderpuppen.
Am hinteren Ende des Marktes türmen Afrikaner Kühlschränke, Öfen und Fernseher zu Halden auf, um sie nach Afrika zu verschiffen. Kinder werden sie dort unter menschenunwürdigen Umständen ausschlachten.
Ein Jahr lang besuche ich die beiden Flohmärkte.
Als Deutscher bin ich ein Fremder. Weit über neunzig Prozent der Händler und Kunden haben einen Migrationshintergrund. In den Anfängen fotografiere ich kaum. Im Strom der weit über tausend täglichen Besucher treibe ich durch die verschlungenen Gassen zwischen den Marktständen. Wenn überhaupt, entstehen scheue Bilder aus der Distanz. Unbrauchbar und unaufrichtig.
Ein Händler fürchtet, ich wolle diffamierende Bilder ins Netz stellen. Er ist es, der auf mich zu geht. Wir wagen ein Gespräch. So einfach baut man eine Brücke. Von seinem Stand aus breitet sich das Vertrauen aus. Viel öfter, als zu fotografieren, suche ich das Gespräch. Aber die wenigen Aufnahmen erzählen Geschichten.
Menschen zeigen Interesse an meiner Arbeit. Mit der Zeit akzeptieren mich viele Händler als festen Bestandteil des Marktes. Ab und an winkende Hände, öfter grüßen mich vertraute Gesichter. Jamel sagt: ''Machst du Foto von mein Bruder. Für Facebook!'' und nennt mich liebevoll ''Herr Fotograf'' oder ''Herr Künstler.'' Manche können ihr Misstrauen nicht ablegen, und ich lasse meine Kamera in der Tasche. Ein Gemüsehändler hingegen grüßt mich mittlerweile ''Bruder!'' Ein Kleiderverkäufer kennt meinen Namen und bietet mir einen Job an. Ich soll seinen Laden in Ückendorf fotografieren. Andere brauchen Bilder ihrer Waren für ebay.
Ein Schuhmacher, der meine Arbeit anfänglich mit bösem Blick beäugt hat, reicht mir bei unserer dritten Begegnung zur Begrüßung die Hand. Einer der wenigen deutschen Händler berichtet: ''Zwanzig Jahre hat mein Vater auf dem Flohmarkt gearbeitet.'' Nun tritt der Sohn in seine Fußtapfen.
Die Händler schuften hart. Für ein paar Euro, die sie täglich einnehmen, bauen sie schon in der Morgendämmerung ihre Stände auf. Bei Wind und Wetter verkaufen sie ihre Waren. Am Nachmittag packen sie den Großteil wieder in die Kartons. Hänger und Karren verlassen ächzend den Hof. Nächste Woche werden sie wieder kommen.
Dankbar für jede Begegnungen, tief berührt von den Lebensgeschichte, denen ich lauschen durfte, fasziniert von die Gastfreundschaft, erfreut über die Kiste Limetten, die mir Jamel schenkte, weiß ich doch, dass ich vielen ein Fremder geblieben bin. Ein Fremder unter den Fremden, die hier gestrandet sind.
Und doch leben wir gemeinsam im Ruhrgebiet. Eine Heimat unter vielen Heimatlosen und Anderen die hier eine Heimat gefunden haben.
Die Menschen auf dem Flohmarkt haben mir das Tor in ihre Nische einen Spalt weit geöffnet. Ich selbst lebe in meiner Nische. Aber ich bin neugierig geworden. Will meine Zäune abbauen, meine Nachbarn besuchen und einladen. Will kein Fremder bleiben.

© Sämtliche Nutzungsrechte an den abgebildeten Fotografien liegen bei Daniel Kessen