Pixelprojekt_Ruhrgebiet - sublim

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Carsten Klein, Bottrop / Duisburg / Essen / Gelsenkirchen / Krefeld / ..., 2002 (zurück zur Übersicht)

''... Das Verborgene sichtbar machen und das Banale in Sublimes zu verwandeln - darum geht es Klein. Es gelingen ihm magische Bilder, die die Architektur betonen, hervorheben, mit Farben verstärken und in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Bilder, die eine Mischung aus Realität und Irrealität sind, die an der Schnittstelle zwischen Wirklichkeitswahrnehmung und Einbildung liegen. Bilder, in denen durch die Verfremdung eine irritierende Stimmung mitschwingt. Bilder, die menschenleer sind und dennoch oder gerade deswegen eine starke Energie innehaben. Es ist eine sensible Sprache, die Klein spricht. ...''
/Designers Digest - the Artwork Magazin, Okt. 2005 von Britta Rohlfing/


Großbildaufnahmen in 30 x 40 cm, ausgewählte Motive in 120 x 150 cm. In Sammlungen gerahmt oder auf Dibond aufgezogen.



sublim - Nachtaufnahmen im Ruhrgebiet

Verschiebung der Wahrnehmung durch die Dunkelheit und das künstliche Licht


Die Idee Fotografien vom Ruhrgebiet in der Nacht zu machen entstand dadurch, dass ich die Fotografie in ihrem wahren Sinn verstehen und gebrauchen wollte und zwar als Lichtmalerei. Die Nacht im Ruhrgebiet sollte unsere vertraute Umgebung im wahrsten Sinne des Wortes in einem anderen Licht erscheinen lassen. Es ist nicht immer einfach in einem dicht besiedelten, urbanen Raum das Spannungsfeld zwischen Licht und Dunkelheit so aufzubauen, dass eine zunehmende Lösung vom Vorhandenen entsteht.
Die Nacht bot mir die Gelegenheit das vorhandene und das mitgeführte, künstliche Licht so einzusetzen, dass eine Irritation beim Betrachter hervorgerufen wird, der im ersten Moment nach der vertrauten, abbildhaften Funktion der Fotografie sucht.

Nachts ist alles anders. Wenn es draußen dunkel wird, hört die sichtbare Welt auf zu existieren. // Axel Hütte, „As dark, as light“, Schirmer/Mosel // Die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwindet. So ist die Nacht vor allem die Schnittstelle zwischen Wirklichkeitswahrnehmung und Einbildung. Die Imaginationskraft ist bei weitem stärker in der Nacht als am Tag. Es entstehen Bilder in der Phantasie, sie reihen sich aneinander, überlagern, vermischen sich und verschwinden. Die Assoziationskraft ist vielmehr angeregt. Die Sinne sind angespannter, aufmerksamer. Meine Intention jedoch emotional aus der Anschauung zu arbeiten, ist, die Sichtweise so zu modifizieren, dass eine Raumillusion entsteht. D.h. der Kontext unseres Wissens, durch das wir geprägt sind, muß soweit ausgeschaltet werden, dass neue Assoziationen möglich werden. Als Beispiel aus der Kunstgeschichte könnte hier das „blaue Pferd“ von Franz Mark dienen, oder die „Pfeife“ vom Rene Magritte.

Die Frage, die ich mir immer stellen mußte war, wie benutze ich die Realität um meine Visionen darstellen zu können. Es mußte eine Auseinandersetzung mit der Realität und einer subjektiven Empfindung stattfinden, damit ein eigenständiger Bildraum in Erscheinung treten konnte, der sich vom Realen löst. Das Entfernen von den Vorerfahrungen näherte mich an das Ziel heran. Jene Vorerfahrungen in Frage zu stellen, um aufs Neue zu sehen, war hilfreich für mich, um zu klären, welche der Wahrnehmungstrukturen ich nutzen wollte, um zu beschreiben, wie weit meine Assoziationen sich vom Vorgefundenen gelöst haben.

So will ich Anregungen schaffen durch eine Dialogsituation zwischen Innen und Außen. Die Bilder funktionieren durch Entdeckungen, die man in dieser Auseinandersetzung macht. Diese Entdeckungen beziehen sich auf die Wahrnehmungstrukturen, die bekanntlich auf unsere Sinne bezogen sind, d.h. von Anfang an erfahren wir die Außenwelt mit unseren Sinnen. In jeder Wahrnehmungssituation fließt die Vorerfahrung mit ein, so reagiert man immer auf einen tradierten Hintergrund. Es gibt also auch für jede Anschauung eine Basis („man ist kein unbeschriebenes Blatt”).

Wahrnehmungsstrukturen entstehen bei allen Menschen unter gleichen Umständen und bilden eine Basis der Verständigung. So wie auch der Kommunikationsbegriff von „communis” herkommt, was übersetzt „Gemeinsamkeit und Gestaltung“ heißt. Unsere Anschauungen arbeiten auch auf verschiedenen Ebenen. Zuerst gibt es eine Reaktion auf die sichtbare Ebene, doch gleichzeitig schaltet sich die Erfahrungsebene ein. Bei der Anschauung wird ein Gedanke wach, der oft nicht von uns selbst stammt, sondern durch die Prägung verschiedener Wirkungsfelder, wie z.b. der Kunstgeschichte entspringt. So kommt es bei der Betrachtung eines Bildes zu Assoziationen mit bekannten Werken.

Man kann auch sagen, dass ich aus der Intuition arbeite. Das Wort „Intuition” kommt aus dem Lateinischen „intuere“, was übersetzt „anschauen“ heißt. Wenn ich davon spreche intuitiv zu arbeiten, dann ist jene Anschauung durch meine gestalterische Auseinandersetzung geprägt. Es ist also in mir immer die Bereitschaft, das Risiko auf mich zu nehmen, meine eigenen Möglichkeiten zu überschreiten. Das Ergebnis ist immer offen. Ich spüre Ahnungen auf, versuche Erahntes konkret werden zu lassen, eine neue Realität zu schaffen. Dieser Anreiz, der sich daraus ergibt, ist immer wieder Anlaß weiter zu suchen, mit der Neugierde auf das, was dann entstehen wird. Wenn es mir gelungen ist, eine derartige, sich daraus entwickelte Vision sichtbar zu machen, so handelt es sich um einen Akt des Sich - Selbst - Verstehens in der Welt und es entsteht der glückliche Moment, in dem ich mich mit meiner Arbeit identifizieren kann. Das bedeutet auch für mich Professionalität.


Nichtsichtbares als verborgenes Sichtbares

Das, was mich in der Fotografie als ein modernes, mediales Ausdrucksmittel fasziniert, ist die breite Palette der Möglichkeiten, das Verborgene, das Nichtsichtbare, sichtbar zu machen. Die Aufnahmen möchte ich im Format von 120 x 150 cm. realisieren. Die enorme Größe soll bezwecken, daß der Betrachter nicht über das Bild hinausschauen kann, dass er in die Bildwirklichkeit hineingezogen wird und möglichst lange verweilen soll. So möchte ich, dass er in die von mir entdeckten, und ansonsten „nicht sichtbaren”, sublimen Welten eintaucht.

In den Bildern sind Farben, Formen und Strukturen, sowie deren Anordnung als Mittel der Aussage umgesetzt, wo Objektivität und Subjektivität in eine
Verbindung kommen, wie auch das Balancieren zwischen Realität und Irrealität, bzw. Fiktion, zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion stattfindet. Daraus ist auch zu ersehen, dass es mir bei der Motivsuche um das Aufspüren von form- und aussagekräftigen, spannungsreichen Erscheinungen ging. Die visuell erfahrbare Wirklichkeit war mein Ausgangsmaterial, um zu erfassen, was hinter den Dingen sich verbirgt. Die vermeintliche Klarheit des Sichtbaren schlägt bei näherer Betrachtung um in den Bereich des Verborgenen, Rätselhaften, Geheimnisvollen. Unsichtbares ist nur verborgenes Sichtbares und es kann jederzeit hervortreten. // Magritte, von Bernard Noël, Gondrom Verlag //


Bilder aus der Vorstellungskraft

Durch das fotografische Bild wird ein dreidimensionaler Gegenstand auf die Fläche gesetzt. Er muß sich den Gesetzen der Zweidimensionalität ergeben und wird schon dadurch ganz anders wahrgenommen, als in der Wirklichkeit. Der dargestellte Gegenstand wird in der Fläche zu einem Objekt aus Linien, Flächen und Farben, das zu dem mit den vertikalen und horizontalen Bildrändern in Verbindung steht. So wird das scheinbar wirklichkeitsgetreue Abbild zu einem komponierten Bild. Diese Übertragung von der einen in die andere künstlerische Ebene ermöglicht es, es graphisch wahrzunehmen mit abstrakten Linien und Flächen. // Otto Steinert, „die Geschichte der Fotografie“, DuMont Verlag, Köln //
Diese Sicht auf das Dargestellte, wird schon bei der Darstellung unter schöpferischen Gesichtspunkten zur Gestaltung. Der bedeutungsvolle Schritt, von der darstellenden Abbildung zur darstellenden fotografischen Gestaltung erfolgt, wenn der Gegenstand, das Motiv nicht mehr um seiner Selbstwillen aufgenommen wird, sondern vielmehr von seiner Eigenbedeutung zum Objekt der Gestaltungsabsicht genommen wird. Es entsteht in produktiver Umsetzung und in Verdrängung der nur fotografischen Konkretisierung des Gegenstandes, das Bild von der Vorstellung des Menschen von diesem Gegenstand und von seinen Beziehungen zu ihm. Schon in der Motivwahl kann man die Vorliebe des Fotografen für bestimmte Themen sehen und wie er sich mit ihnen und in ihnen ausdrücken möchte. Aber nicht das Motiv macht die Bildwirkung aus, sondern das Gestaltungsvermögen des Fotografen, der das Thema zu seinem Bild formt. Dazu gehört der Mut zu individueller Erlebnisaussage, d.h. das Kriterium eines persönlichen Erlebnisses ist Ausgangspunkt und Voraussetzung für kreative Fotografie. In der Betonung der persönlichen Interpretation der Wirklichkeit, durch die aus eigener Sichtweise herauskristallisierte Bildvorstellung, ist emotionales Erleben unbedingt
erforderlich. // Otto Steinert, „Fotografien“, miiim, Kunstring Folkwang, Essen //

Das Sehen in fotografischer Perspektive und die Ausschnittswahl, die dank der Benutzung von Wechselobjektiven mit verschiedenen Blickwinkeln, nicht unbedingt mit der visuellen Erinnerung des Menschen übereinstimmen muß, erlaubt eine persönliche Interpretation in der Gestaltung des Bildes und die sich beliebig durch den Einsatz technischer Mittel steigern läßt. Die für die Bildgewinnung zur Verfügung stehenden Mittel bezeichnet man als fotografische Gestaltungselemente. Sie stehen beim Prozeß der Bildformung in korrelativer Bezüglichkeit, wie folgt:
die Wahl des Objektes, oder Motivs,
seine Isolierung aus der Natur,
die Sicht in fotografischer Perspektive,
die Sicht in foto - optischer Abbildung,
die Umsetzung in fotografische Farbwerte,
die Isolierung aus dem Zeitablauf durch die fotografische Belichtung.
Die Sicht des Bildvorentwurfs in fotooptischer Abbildung beruht auf dem Vorstellungsvermögen des Fotografen, der fähig ist, den Wirklichkeitsausschnitt in seinen wesentlichen Bauelementen genau zu erfassen. Daraus folgt die Notwendigkeit des exakten Suchens nach solchen Motivanordnungen, die von störenden Elementen befreit sind. Gerade in der Erfüllung dieser Bedingungen zeigt sich die individuelle Auffassungs- und Vorstellungskraft des Fotografen. // Otto Steinert, „Fotografien“, miiim, Kunstring Folkwang, Essen //


Abstraktion in der Fotografie

Abstraktion ist in der Bildenden Kunst eine Richtung, die eine Gegenstandsdarstellung aufgibt. Kann man jedoch eine absolut gegenstandslose Darstellung, die die Dinge in stark abgewandelter Form zwar noch erkennen läßt, doch meist nur noch in Form und Farbe vorhanden ist, in Verbindung mit Fotografie bringen? Gerade die Fotografie ist detailversessen, sie registriert alles und ohne Selektionsverfahren kommt das Wesentliche zu kurz. Doch fotografieren heißt: unterscheiden, auswählen und absehen von. Das angestrebte Nicht - Alles -Auf dem Bild ist das Resultat einer geistigen Selektion, die die Fotografie zu einer spirituellen Disziplin kreiert. // „Das große, stille Bild“, Wilhelm Fink Verlag // Die Kamera wird benutzt, um sich vom natürlichen Sehen zu entfernen und um neue Sehweisen zu finden. Die Wirklichkeit wird zu Rohmaterial, zur Gestaltung des Bildes, das ein Eigenleben bekommt. Die Darstellung bemüht sich auf die strukturell prägnantesten Formmerkmale des Gegenstands hinzudeuten, also
abstrahiert sie von seiner bildlichen Erscheinung. Sie reduziert die Sachen und Vorgänge zu einem Zeichen. Durch Verfremdung läßt sie sie merkwürdig erscheinen, so als ob die Gegenstände zum ersten Mal gesehen würden und die Ereignisse zum ersten Mal stattfänden. // „claims and constructions, Fotografien von Boris Becker“, Kehrer Verlag, Heidelberg //
Damit sollten sie dem automatisierten Wiedererkennen entrissen werden und sollen durch Verfremdung zur Abstraktion werden. So entdeckt man immer mehr, dass Fotografien, genauso wie Gemälde, selbständige, abgeschlossene Bildwirklichkeiten darstellen können, die nur bedingt mit der äußeren Wirklichkeit etwas zu tun haben.
Abstraktion ist Suche nach einem Ruhepunkt in dem Chaos der visuellen Anschauung und zugleich Förderung der Wahrnehmung ihre höchstmögliche Konzentration zu erreichen. In einer unübersichtlichen Welt gibt es nur Ruhe durch Abstraktion, also durch Emanzipation von aller Zufälligkeit und Zeitlichkeit. // „Das große, stille Bild“, Wilhelm Fink Verlag // Durch Abstraktionsverfahren ist es möglich das Ziel zu erreichen, stille Ergriffenheit beim Betrachter auszulösen. In anderer Perspektive gesehen ist Stille die totale Kommunikation. Sie inspiriert neue Sichtweisen und die Fähigkeiten ein Umdenken anzuregen. Wie die Dunkelheit schärft sie und spannt alle unsere Sinne an. Ich möchte durch meine Bilder den Betrachter emotional berühren, um seine Teilnahme zu provozieren und in dieser Hinsicht sublim Macht auszuüben.

© Sämtliche Nutzungsrechte an den abgebildeten Fotografien liegen bei Carsten Klein