Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Unser Fritz und anderswo

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Werner Köntopp, Bochum / Essen / Gelsenkirchen / Herne / ..., 1949-2005 (zurück zur Übersicht)

Werner Köntopp
Ein Leben in Schwarz-Weiß


Angefangen hat alles damit, dass Werner Köntopp, er war gerade mal 11 Jahre alt, im Jahre 1938 Planfilme, Fotopapiere oder chemisch präparierte Glasplatten in kleine Holzrahmen spannte und darauf verschiedene Gegenstände arrangierte. Er setzte sie eine bestimmte Zeit dem Licht aus und siehe da, die Gegenstände bildeten sich ab. Fasziniert von dieser Art des Bildermachens und von kindlicher Neugier getrieben, beschäftigte er sich intensiv mit der ''kameralosen Fotografie''. Er eignete sich diese Technik des Fotogramms an, die schon am Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckt worden war und bis heute als eigenständige künstlerische Gestaltungsmöglichkeit erhalten geblieben ist. So lernte Werner Köntopp über die Beschäftigung mit dem Fotogramm das Fotografieren von der Pieke auf. Und weil er ''dahinter'' kommen wollte, wie und warum ein Bild zustande kommt, verschaffte er sich nach und nach auch Kenntnisse über die chemischen und physikalischen Prozesse, die zum Foto führen. Damit begann, was später zu einem Doppelleben zwischen Brotberuf und Berufung, Familie und Passion führen sollte. Denn es hat ihn bis heute nicht mehr losgelassen –: Das Spiel mit dem Licht!

Der Fünfzehnjährige bekommt 1942 eine 6 x 9 cm Plattenkamera, die legendäre ''Bergheil'', geschenkt. Nun macht er seine ersten Fotos mit der eigenen Kamera. Leider ist aus dieser Zeit nichts geblieben. Der Krieg hat alles vernichtet. Es entsteht die Zwangspause der Kriegs- und Nachkriegszeit. Das Überleben und die Berufsausbildung haben Vorrang.
1949 erwirbt Werner Köntopp seine erste Leica. Zwei Jahre später kommt noch die Rolleiflex dazu. Endlich kann er wieder Fotos machen. Neben der Erwerbsarbeit bei Glas und Spiegel in Schalke, wo er seit seiner Geburt wohnt, erkundet er in fotografischen Streifzügen seine Umwelt und erschließt sie sich aus dem seinem Blickwinkel über den Sucher seiner Kameras. Die fotografierte Ausbeute wird in der Dunkelkammer bearbeitet, also entwickelt, kopiert und, vergrößert. Auf diese Weise dürften seit 1949 einige zigtausend Schwarz-Weiß-Fotos entstanden sein – u.a. auch solche einer ''kritischen Heimaterforschung''.

Werner Köntopp hat erfolgreich an Wettbewerben und Gruppenausstellungen teilgenommen, er hat Preise gewonnen und auch gelegentlich das eine oder andere Foto verkauft. Reichtümer hat er damit nicht erworben. Im Gegenteil: er hat ökonomisch ein Verlustgeschäft gemacht und für seine wahre Profession draufzahlen müssen.

Werner Köntopp, der sich seit seiner Kindheit bis heute zu einem begnadeten Lichtbildner ausgebildet und die Techniken des Fotografierens angeeignet und durch selbstkritisches Ausprobieren bis zur Perfektion entwickelthat, überlässt nichts dem Zufall. Als Amateur, als Liebhaber der Sache, arbeitet er hochprofessionell. Er ist ein Autodidakt par excellence. Sein Wissen und seine Erfahrung hat er freigiebig als Dozent in Kursen an den Volkshochschulen in Gelsenkirchen und Herne weitergegeben. Vor allem ist er ein bescheidener Mensch geblieben.

Werner Köntopp ist kein Technikfetischist. Seine Ausrüstung hat er ganz auf seine künstlerischen Erfordernisse abgestimmt. Er gestaltet seine Fotos nur mit vorhandenem Licht; verzichtet also grundsätzlich auf Kunst- und Blitzlicht. Wesentlich für seine Arbeit sind ihm die Objektive und insbesondere die Filme ''mit ihrem eigenen Charakter'', die man kennen lernen müsse wie eine Frau''. Hilfsmittel wie Filter verwendet er möglichst nicht. Als Format bevorzugt er das Quadrat, ''weil die Diagonalen stimmen müssen''. Und er weiß genau, wie er ''sein Bild'' zwischen Schwarz und Weiß komponieren muss, damit sich Farben in Grautöne verwandeln.

Obwohl Werner Köntopp nicht als experimenteller Fotograf hervorgetreten ist, hat er die Entwicklung aufmerksam verfolgt und sich doch stets mit neuen fotografischen Spezialtechniken beschäftigt. So hat er sich Ende der 1950iger Jahren u.a. auch mit Martha Hoepffner ausgetauscht, die die Technik des Fotogramms durch Experimentieren mit polarisiertem Licht zu Farbfotogrammen weiterentwickelt und der Lichtkinetik wichtige künstlerische Impulse gegeben hat. Es war wohl auch hier Werner Köntopps Neugier auf den Umgang mit dem Licht für die Farbfotografie, auf die er sich ebenfalls eingelassen hat. Er wusste ganz genau, dass neue Lichttechniken und verbesserte Belichtungstechniken für das fotografische Sehen von großer Relevanz sind. Ebenso hat er durch die intensive Beschäftigung mit der Landschaftsmalerei und freundschaftliche Kontakte zu Malern starke Impulse für das Fotografieren empfangen.

Wer im Spiel mit Licht und Schatten stimmungsvolle Fotos machen will, muss sorgfältig beobachten und vorausschauend planen können. Tages- und Jahreszeiten, Sonnenstände und Wetterlagen sind ebenso zu beachten wie physikalische Gesetze und photochemische Prozesse. Werner Köntopp hat das alles im Laufe seines langen Fotografenlebens gelernt. Er will mit Licht Bilder komponieren und gestalten. Deshalb muss er steuern und beeinflussen können, was am Ende auf den Film kommen soll. Er kann geduldig auf den richtigen Licht- und Augenblick warten, um dann erst auf den Auslöser drücken. Denn viele Motive entstehen und reifen bei ihm im Kopf. Oft geht er mit ihnen jahrelang schwanger, bis er es irgendwann fixiert. Auf das Motiv vom zugefrorenen Rhein-Herne-Kanal mit dem Getreidesilo von Müllers Mühle in Schalke bei leichtem Schneefall, habe er drei Jahre warten müssen, um eben diese ganz besondere Stimmung fotografisch ausdrücken zu können.

Denn er will es nicht ''drauf ankommen'' lassen, sondern vorher schon wissen, was später auf dem Foto zu sehen sein wird. Nur so entsteht schließlich ein unverwechselbares Bild, dessen Urheber ganz allein er selbst ist und in dem er zum Ausdruck bringen will, dass darin mehr steckt als nur ein beliebiges geknipstes Abbild.

Warum sage ich das? Nun: ''Der Kunst liegt ein Können zugrunde, und es ist dies ein Arbeitenkönnen. Wer Kunst bewundert, bewundert eine Arbeit, eine sehr geschickte und gelungene Arbeit. Und es ist nötig, etwas von dieser Arbeit zu wissen, damit man sie bewundern und ihr Ergebnis, das Kunstwerk, genießen kann...
Wenn man zum Kunstgenuß kommen will, genügt ja nie, lediglich das Resultat einer künstlerischen Produktion bequem und billig konsumieren zu wollen, es ist nötig, sich an der Produktion selbst zu beteiligen, selbst in gewissem Umfang produktiv zu sein, einen gewissen Aufwand an Phantasie zu betreiben, seine eigene Erfahrung der des Künstlers zuzugesellen oder entgegenzuhalten...
So ist es nötig, die Mühen des Künstlers mitzumachen, in abgekürzten Verfahren, aber doch eingehend.'' (Bert Brecht)

Die Fotografien von Werner Köntopp sind ein Beispiel dafür, wie man mit einer Fotokamera das unmittelbare, scheinbar vertraute Lebensumfeld neu-entdecken kann und wie wir unsere Sinne und unseren Verstand schärfen können, um Einsichten und Erkenntnisse zu gewinnen. Die Wirklichkeit, in der wir leben, ist ja vor allem farbig und vielfältig. Mag sein, dass die Schwarz-Weiß-Fotografie das Bild vom tristen Ruhrgebiet verstärkt hat. Dennoch lassen sich gerade mit der Schwarz-Weiß-Fotografie stimmungsvolle und poetische Fotos machen, wenn der Fotograf als Lichtbildner die Licht-Kunst beherrscht und seinen ''Licht-Blick'' als Ausschnitt der bunten Welt in Grautöne zwischen den Kontrasten Schwarz und Weiß zum Foto gestaltet. Wenn wir dann dieses Foto betrachten, eignen wir uns das Motiv mit unseren individuellen Farbvorstellungen an. Wir übersetzen es gewissermaßen über unsere eigenen Bilder, die wir im Kopf haben, und machen es uns so zu eigen. Ja, wir können mit unserer Phantasie sogar die Begrenzung des Bildes aufheben und den Ausschnitt erweitern. Versuchen Sie es doch einfach mal...

Seit 1992 gehört Werner Köntopp der Künstlergemeinschaft Unser Fritz an. Wer den bald 80jährigen dort in seinem Atelier besucht, erlebt einen Menschen, dessen Lust am Fotografieren ungebrochen ist.

Peter Rose, 2005

© Sämtliche Nutzungsrechte an den abgebildeten Fotografien liegen bei Werner Köntopp