Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Unter Wasser atmen

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Iris Wolf, Dortmund, 2007 (zurück zur Übersicht)

Unter Wasser atmen

Wer sind diese Menschen, die ihr Leben vorwiegend auf der Straße verbringen und teilweise keinen festen Wohnsitz haben? Wie sind sie aus dem Rahmen gefallen, der gesellschaftliche Norm beschreibt, und wohin gehen sie, wenn sie Hilfe brauchen?
Wer sind die Menschen, die ihnen helfen? Was motiviert sie dazu? Und wo in Dortmund findet man diese Menschen und Orte?
Mit meiner Arbeit „Unter Wasser atmen“ biete ich Antworten auf diese Fragen.


Leo: Wenn das Leben nicht mit und nicht ohne funktioniert

Jeder kennt das. Wildfremde Menschen fragen auf der Straße nach Geld. Oft ist es der berühmte Euro, der zur Fahrkarte fehlt. Oder fünfzig Cent für ein ganz dringendes Telefonat. Jeder weiß, dass diese Leute kein Ticket kaufen und nicht telefonieren werden. Leo Kammbrück* ist einer von denen, die nach Kleingeld fragen. Die Entscheidung zu schnorren, hat er bewusst getroffen, um nicht durch Beschaffungskriminalität noch größere Probleme zu bekommen als er ohnehin schon hat. Leo ist 40 Jahre alt und seit fünfzehn Jahren mit kurzen Unterbrechungen drogenabhängig. Begonnen hat alles mit einem Urlaub in Portugal, aus dem er erst 13 Jahre später im Jahr 2005 zurückkehrt. Seit dem versucht er aufzuhören. Zweimal hat er die Entgiftung durchgehalten, wurde aber jeweils nach kurzer Zeit wieder rückfällig. Die dritte Entgiftung läuft seit Frühsommer 2007.

Meistens pendelt Leo zwischen Orten wie Gasthaus und Arztpraxis, Suppenküche, Café Flash und den Plätzen, an denen er das Geld für den nächsten Schuss besorgt und schlägt, wie er selbst sagt, die Zeit tot. Trotz Einsamkeit und Langeweile, die seinen Alltag dominieren, steht er unter großem Stress. Das Geld für die nächste Ration muss rechtzeitig da sein. Die Hetze tut nicht gut, Leo isst unregelmäßig, nimmt ab, ist depressiv.

Dabei hat er ähnliche Wünsche und Ängste wie die meisten Menschen. Ein Ende der Einsamkeit, eine intakte Familie – ohne die Abhängigkeit von Drogen. Leo war drei Jahre alt, als seine Mutter ihn in eine Pflegefamilie gegeben hat. Der ersten folgt eine zweite Pflegefamilie, später arbeitet er als Maler und Lackierer ohne Ausbildung. Momentan lebt Leo von Hartz IV und bekommt Wohngeld und Heizkostenerstattung. Ein schmaler Grat und Leo weiß das; er hat Angst vor dem finalen Absturz, aber „Nein zu sagen ist schwierig“. Ein Boot, das wäre Leos Traum.

*Name wurde geändert


Frau Schrader: Aus der Selbständigkeit in die Abhängigkeit

Marianne Schröder *(39) hatte ein eigenes Unternehmen. Als selbständige Kosmetikerin arbeitete sie in ihrem Geschäft. Dabei ist etwas schief gegangen, was genau, darüber spricht sie nicht. Fest steht, dass sie ihren Laden 2006 aufgeben musste, ebenso ihre Wohnung. Die ersten Monate wohnte sie bei verschiedenen Freunden. Das Sozialamt in Unna, wo sie gelebt und gearbeitet hat, empfiehlt ihr den Gang zur Arbeiterwohlfahrt. Dort hört sie zum ersten Mal von der Frauenübernachtungsstelle in Dortmund, wo sie sich im Dezember 2006 hin wendet.

Zwei Monate hat Frau Schrader in der FÜS gewohnt, ein Ort, der sie positiv überrascht hat. Ambivalent habe sie die Atmosphäre dort wahrgenommen, erzählt sie. Einerseits vermittelt ihr das Haus Geborgenheit, andererseits wird sie zur Selbständigkeit ermutigt und aufgefordert. Mit erstem Erfolg. Seit Februar wohnt Frau Schrader wieder in einer eigenen Wohnung, die vom Sozialamt bezahlt wird. Sie bezieht Hartz IV und wünscht sich, wieder in der Kosmetikbranche arbeiten zu können. Die Voraussetzungen sind gut, wie sie findet. Denn heute spielen andere Dinge eine Rolle als früher. Das soziale Gefüge auf dem Weg zurück sei wichtig, und das, findet sie, stimme bei ihr.

Vom eigenen Unternehmen zu Hartz IV ist es ein kurzer Weg.

*Name wurde geändert



Martina: Im Auf und Ab der Abhängigkeit

Eigentlich war Martina Schwichtenberg (38) auf einem guten Weg. Fast vier Jahre war sie clean, nicht mal Methadon hat sie mehr gebraucht. Mit dem Ende ihrer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wurde sie rückfällig. Mit dem Kokain gerät ihr Leben wieder aus den Fugen. Sie verstößt gegen ihre Bewährungsauflagen und bekommt schließlich im Jahr 2006 sieben Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung. In der Haft macht sie einen kalten Entzug und nimmt anschließend professionelle Hilfe in Anspruch. Das Drogenberatungsprogramm muss sie 2007 aufgrund einer Operation am Hüftgelenk verlassen und bricht auch die anschließende Kur ab, „da dort zuviel Alkohol getrunken wurde“. Seit Frühsommer 2007 wohnt Martina in der Frauenübernachtungsstelle Dortmund und nimmt zurzeit Methadon.

Martina, seit über 20 Jahren Vollwaise, kam als jüngstes von sieben Kindern zur Welt. Der Vater war tablettenabhängig, die Mutter arbeitete sich für die Familie kaputt. Halt hat Martina dort nicht gefunden. „Ich hatte das Gefühl, dass das, was ich gemacht habe, nie genug war.“ Mittlerweile ist Martina selbst dreifache Mutter. Ihre beiden ältesten Töchter, längst volljährig, wurden bereits vor Jahren adoptiert. Ihr fünfjähriger Sohn, zu dem sie Besuchskontakt pflegt, kam vor einem Jahr zu Pflegeeltern.

Martina Schwichtenberg ist froh, dass es die FÜS gibt. Sie möchte wieder auf die Beine kommen. Für sich und für ihren Sohn. Dabei nimmt sie Hilfsangebote wie die von Drogenberatungsstellen in Anspruch und würde selbst gerne ehrenamtlich arbeiten, um wieder so etwas wie eine Normalität herzustellen. Ihr Wunsch wäre ein Platz in einem betreuten Wohnprojekt, ein geregeltes Leben gemeinsam mit ihrem Sohn. Spätestens seit 1993, als ihre Drogensucht begann, weiß Martina, wie leicht einem alles, was man halten möchte, entgleiten kann. „Es ist ein ewiger Kampf“, stellt sie fest. Man kann ihr nur wünschen, dass sie ihn gewinnen wird.


Frauenübernachtungsstelle: Im Spagat: Zwischen Vertrauensaufbau und Weitervermittlung

Ein bisschen sieht es aus wie in einer Jugendherberge für Erwachsene. Nett, aber nicht zu einladend, ordentlich, aber nicht zu gemütlich. Frauen sollen sich wohl fühlen, aber nicht zu sehr; schließlich fungiert die Frauenübernachtungsstelle, kurz FÜS, als Durchlaufstation und nicht als Dauerlösung für wohnungslose Frauen aus Dortmund. Wer kein Dach über dem Kopf hat, mit letztem Wohnsitz in Dortmund gemeldet war, volljährig und weiblich ist und spätestens am nächsten Werktag beim Sozialamt den so genannten Übernachtungsschein besorgt, findet hier einen Platz zum Schlafen und Unterstützung bei der Lösung der individuellen Wohnproblematik.
Dem Fachbereich III Suchtkranken- und Wohnungslosenhilfe im Diakonischen Werk Dortmund zugeordnet, verfügt die Frauenübernachtungsstelle über 14 Plätze plus zwei Notbetten – statt 16 Frauen wohnen häufig 18 oder 19 gleichzeitig in der FÜS. „Wir nehmen eigentlich immer auf“, beschreibt die diplomierte Sozialpädagogin Kerstin Radtke (38) die Politik des Hauses. Einzige Regeln: Keine Drogen, kein Alkohol, keine Gewalt. „Hier soll jede Frau zurechtkommen, deswegen gibt es auch nicht viele Regeln.“

Dem massiven therapeutischen Bedarf kann die FÜS nicht gerecht werden. 2006 lag bei 65 Prozent aller Frauen laut Jahresbericht eine „besonders schwierige soziale und psychosoziale Problematik“ vor. Die persönliche Abgrenzung, erklärt Kerstin Radtke, sei sehr schwierig, denn „um die Wohnsituation mit den Frauen zu lösen, muss ich eine Vertrauensbasis schaffen. Dort kann ich aber nicht weitergehen, denn unser Auftrag ist die Vermittlung der Frauen, nicht ihre Therapie.“

330 Frauen mit 43 Kindern nahmen 2006 das Übernachtungsangebot der FÜS in Anspruch. 104 Frauen, und damit die meisten, im Alter von 30 bis 39 Jahren. Mit 277 Frauen blieb der Großteil weniger als eine Woche. Insgesamt verzeichnete die Einrichtung 4844 Übernachtungen in 2006.


Praxis Klaus Harbig: So weit die Füße tragen

Seit 1. April 2005 hat das GastHaus mit Dr. Klaus Harbig (66) einen Internisten im Ruhestand gefunden, der sich in der angrenzenden Praxis um die medizinische Grundversorgung von Obdachlosen kümmert. Eine aufsuchende niederschwellige ärztliche Versorgung von Wohnungslosen und sozial Schwachen heißt das in Amtsdeutsch. Dreimal wöchentlich nachmittags und zweimal vormittags kümmert sich Klaus, wie ihn dort alle nennen, um die diversen medizinischen Probleme. Sechs Helferinnen, pro Schicht zwei, unterstützen ihn dabei. Den vorwiegend männlichen Patienten entstehen keine Kosten. Die Praxis übernimmt die Praxisgebühr ebenso wie die Zuzahlung bei Medikamenten.

Medizinisch steht Dr. Harbig hauptsächlich drei Themen gegenüber. Er behandelt gängige internistische Erkrankungen wie Zucker, Bluthochdruck, Asthma und Bandscheibenschäden. Dann kommen spezielle internistische Erkrankungen hinzu, die durch die Lebensumstände begünstigt werden: Aids, Hepatitis A, B und C, Tuberkulose sowie chirurgische Erkrankungen vom blauen Auge über Prellungen bis hin zu Verstauchungen und Knochenbrüchen. Das dritte große Thema sind Hauterkrankungen. Mangelnde Hygiene und mehrere Schichten Kleidung auf der Haut verursachen Schuppenflechten, Ekzeme, Neurodermitis, Geschwüre und Vereiterungen. „Die Füße sind das größte Kapital der Obdachlosen“, erklärt der Arzt. „Wenn sie nicht laufen können, sind sie außer Gefecht.“ Blasen, Fußpilz und offene Beine sieht er entsprechend häufig.

Schwierig sei die erste Kontaktaufnahme. „Diese Menschen haben Angst vor einem Arztbesuch. Sie haben schlechte Erfahrungen gemacht, sind verjagt, gedemütigt und verletzt worden.“ Klaus’ Praxis hat sich dennoch etabliert. Behandelte er anfangs ein halbes Dutzend Patienten pro Sprechstunde, kümmert er sich mittlerweile um 40 bis 50. Die Anforderungen unterscheiden sich deutlich vom früheren Praxisbetrieb, unter anderem weil seine heutigen Patienten Termine kaum einhalten und schlecht warten können. Entweder treibt sie eine innere Unruhe, faktischer Stress angesichts etlicher Behördengänge oder die Nervosität, nicht rechtzeitig die nötigen Drogen beschaffen zu können. „Eine Therapiekontrolle auf Terminbasis ist hier nicht möglich“, resümiert der Internist.

Was die meisten Patienten teilen, seien schwere Traumata aus der Kindheit. Erlebnisse, die es unmöglich machen, das Leben nach gängigen gesellschaftlichen Vorstellungen zu gestalten. „Runter geht es meistens sehr schnell. Der Rückweg ist eine sehr schwierige Kletterpartie. Hier setzen unsere Hilfen an.“ Hilfen, die Klaus Harbig weiter ausbauen möchte. „Was wir gut brauchen könnten, wären ein Friseur und eine Fußpflegerin.“


Gasthaus: Auf der Suche nach einem Stück Heimat

Wie gibt man Menschen, die auf der Straße leben, ein Gefühl von Zuhause? Seit rund zwölf Jahren arbeitet das Gasthaus e.V. mit einem wachsenden Angebot für Wohnungslose und von Armut bedrohte Menschen an einer Antwort. An sechs Vormittagen die Woche sind sie nicht nur zum Frühstück eingeladen. „Wir möchten unseren Gästen die Möglichkeit geben, Freunde zu treffen, sich auszutauschen und bei uns Gastfreundschaft, Rat und Hilfe zu finden“, so Werner Lauterborn (64), Vorsitzender des Vereins.

Das beginnt beim Frühstück, setzt sich über pragmatische Angebote wie Dusche und frische Kleidung fort und geht bis zum Gespräch mit einem Seelsorger. Montags bis mittwochs öffnet das Gasthaus auch nachmittags zum Treffen bei Tee und – so gespendet – Kuchen. Wer juristische Fragen hat oder Hilfe beim Thema Insolvenz benötigt, kann sich einem Rechtsanwalt anvertrauen, der ehrenamtlich weiterhilft. Wie übrigens alle Unterstützung des Gasthauses auf ehrenamtlicher Arbeit von rund 90 Helferinnen und Helfern sowie Sach- und Geldspenden basiert.

Seit 2006 verfügt das Gasthaus zudem über vier Wohnungen im Obergeschoss, die von ehemals obdachlosen Gästen bewohnt werden. Die absolute Minderheit, denn nicht Wenige leben mit einem sehr hohen Risiko: nirgends gemeldet, ohne Krankenversicherung oder Bezüge aus Hartz IV. Mit Hartz IV sieht Werner Lauterborn nochmals einen quantitativen Zuwachs. „Wir leben in einem Sozialstaat, der so arbeitet, dass er die Randgruppen schrittweise weiter nach unten führt.“

Kamen am ersten Öffnungstag am 3. Dezember 1995 vier Gäste, so bereitet das Gasthaus zwölf Jahre später täglich zwischen 180 und 200 Frühstücke zum Monatsbeginn und zwischen 280 und 300 zum Monatsende. Nachmittags variiert die Zahl der Gäste zwischen 30 und 80 – am Anfang des Monats kommen weniger, am Ende mehr.

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